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Gedenktag 22.10.1940



Wer den Koffer öffnet, so wie hier Schiller-Schulleiter Manfred Keller , sieht den Davidstern.(FOTO: RENATE TEBBEL)

Auf dass die Deportation immer gegenwärtig bleibt

 

Gedenkstunde im Schillersaal / Am 22. Oktober 1940 wurden zahlreiche jüdische Mitbürger nach Gurs abtransportiert

 

OFFENBURG (rte). Die Namen der Menschen sollen nicht vergessen sein und wir wollen uns an ihr Schicksal erinnern: Mit diesen Worten eröffnete Schulleiter Manfred Keller eine Gedenkstunde im Schillersaal in Erinnerung an die Deportation der Juden am 22. Oktober 1940. Damals wurden etwa 100 Personen aus Offenburg und 200 aus der Region in den Saal der früheren Oberrealschule gepfercht und dann in das südfranzösische Lager Gurs im unbesetzten Teil Frankreichs verfrachtet.

In den frühen Morgenstunden hatten Gestapo-Leute die Betroffenen aus ihren Wohnungen geholt, man gab ihnen zwei Stunden, um einen 50 Kilo schweren Koffer zu packen. Man hatte ihnen gesagt, sie müssten das Gepäck streckenweise selber tragen. Die Juden mussten die Schlüssel für ihre Häuser abgeben, ein Notar legitimierte den Raub des Staates am Eigentum der Deportierten; die Häuser und sonstiges Besitztum wurden unter "Rechtsaufsicht" dem deutschen Reich überschrieben.

Martin Ruch vom Initiativkreis für die Veranstaltung erläuterte, dass die Aktion auf die Gauleiter des Landes Baden und der Pfalz, Robert Wagner und Josef Bürckel, zurückging, die ihrem "Führer" einen "judenfreien" Gau präsentieren wollten. Die Menschen wurden an diesem 22. Oktober im Schillersaal zusammengetrieben, eine Reihe von alten Leuten war darunter, denn von den Jungen waren viele schon ausgewandert. "Es war brutal" , schilderte Ruch die Not der Menschen, die einige Tage in den Sonderzügen der Reichsbahn unterwegs waren, um nach Gurs zu gelangen. Gerade die alten Menschen hätten dort nicht lange überlebt, an Hunger, Kälte und Entkräftung seien viele kurz nach der Deportation verstorben. Einigen gelang es zu fliehen, aber man weiß, dass 3000 Personen im Jahre 1942 aus dem Lager Gurs nach Nancy und dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden, erklärte Ruch.

Er las aus Briefen von Inhaftierten des Lagers Gurs vor. Die in der Gerberstraße wohnende Familie Greilsheimer war deportiert und in verschiedene Ecken zerstreut worden. Rührend um das Wohl der Kinder besorgt, die eigene Not mit Mühe verbergend, ist der Brief der Versuch, inmitten von Chaos und Verzweiflung Trost im Alltag zu finden und zu geben. Es geht darum, ob die Kinder auch genug zu essen haben und warm gekleidet sind, und ob man wohl hoffen dürfe, sich in der Heimat einmal wieder zu sehen. Auch in dem Brief, der von Schulleiter Manfred Keller vorgelesen wurde, zeigt sich der Versuch, durch Dinge des Alltags das Gefühl der Geborgenheit herzustellen. "Habt ihr auch den Lebertran genommen?" , ermahnen Eltern ihre Kinder aus Gurs, und sie selber würden beim Koch Französisch lernen. Zwischen den Zeilen klingen wiederum Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit auf: "Wir bekommen weder Post noch Pakete" , klagen die Eltern. Mehr als in vielen Analysen und Reden wurde durch die Lesung deutlich, wie es den Menschen damals ging. Das ist auch das Anliegen der Bürgerinitiative. Der Kreis um Hans-Peter Goergens, Dorothea Siegler-Wiegand, Martin Ruch und Susanne Kerkovius stellt das "Nicht Vergessen" in den Vordergrund. Lehrerin Susanne Kerkovius hatte mit Schülern eine Lesung einstudiert, außerdem waren Objekte aus dem von der Künstlerin Angelika Nain betreuten ökumenischen Projekt der Landeskirchen ausgestellt.

Das Jugendprojekt "Mahnmal" für die deportierten badischen Jüdinnen und Juden nach Gurs soll daran erinnern, dass insgesamt aus den beiden Ländern 6500 Juden nach Südfrankreich kamen, davon allein 5600 aus 137 Orten in Baden. Angelika Nain hatte den sieben Jugendlichen das Thema "Koffer" vorgegeben, und die rund 40 Besucher der Veranstaltung zeigten sich beeindruckt von der Kreativität und Sorgfalt der Arbeiten.

Auch die Idee des Koffers funktioniert gut: Wer ihn öffnet, sieht den Davidstern oder symbolhafte Darstellungen der Menschen. Damit sie nicht vergessen werden und wir uns an ihr Schicksal erinnern.