Nach dem Abi nach Ecuador
In der Schule die Welt verändern
Die Abiturientin Judith Herrmann aus Diersburg bereitet sich auf ihr soziales Jahr in Ecuador vor (OT 15.06.09)
Nach dem Abitur in die Welt hinaus – das hat Judith Herrmann aus Diersburg vor. Als Assistenzlehrerin arbeitet sie ein Jahr lang in einer kleinen Schule in Puerto Quito (Ecuador). Wir fragten sie nach ihren Gründen – und der Schule.
15.06.2009 - Wie kamen Sie auf die Idee, einem Entwicklungsland zu helfen?
Judith Herrmann: Ich liebe es, neue Kulturen und deren Lebensweise, Mentalität kennen zu lernen und darin Neues zu entdecken. Außerdem macht es mir unglaublich Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Somit war für mich schon lange klar, was ich zwischen Abitur und Studium mal machen werde. Natürlich gibt es heutzutage vielerlei Möglichkeiten, ins Ausland zu reisen und dort Zeit zu verbringen, doch als Aupair in einer wohlhabenden amerikanischen Familie die verwöhnten Kinder zu unterhalten, war dann doch nicht mein Ding. Und arbeiten und reisen in Australien hat für mich auch keinen Reiz, da ich schon immer über den Tellerrand unserer Welt blicken wollte, um mal eine ganz andere Welt zu entdecken.
Warum gerade Ecuador?
Herrmann: Sieht man sich mal die Weltsituation heute an, dann weiß man sofort, wo Hilfe gebraucht wird und wo weniger. Dank meiner Spanischkenntnisse und dem großen Interesse an dem Kontinent kam somit nur eines in Frage: Südamerika. Ecuador war eher Zufall, obwohl ich mir nun gar nichts anderes mehr vorstellen könnte. Als ich mich um den »Weltwärts«-Platz beworben hatte, hatte ich kein bevorzugtes Land angegeben. Es war mir egal, wohin ich komme Ich wollte nur mit Kindern zu tun haben.
Wie bereiten Sie sich vor?
Herrmann: Natürlich habe ich schon langjährige Erfahrung mit Kindern. Ich habe lange gebabysittet, gebe Nachhilfe und habe meine Mädchenturngruppe, die ich jede Woche in Schach halte. Daneben bekommen wir natürlich auch an unser Projekt gekoppelt Vorbereitungswochen in Deutschland sowie in Ecuador. Wir werden geschult im Umgang mit den Kindern und der Kultur. Bekommen allerhand Informationen von Ehemaligen, was sehr hilfreich ist. Natürlich bereitet man sich auch selbst auf das Jahr vor. Ich habe schon reichlich Unterrichtsmaterialien gesammelt, sehr viele Lernspiele aus dem Hinteren meines Gedächtnisses herausgegraben, damit ich dort gleich gut im Schulalltag tätig sein kann.
Was erwarten Sie?
Herrmann: Ich hoffe auf ein Jahr voller neuer Erfahrungen. Ich hoffe, dass ich dort mit meiner Arbeit, wenn auch nur im Kleinen, etwas erreichen kann. Natürlich kann man dort nicht hinkommen und plötzlich alle Normen und Regeln umschmeißen und einfach mit europäischem Denken die Welt verändern wollen. Man muss zunächst sehr vorsichtig sein und sich Stück für Stück einarbeiten. Trotzdem glaube ich, dass meine Arbeit sehr nützlich sein wird, und wo Hilfe gebraucht wird, wird sie ja auch sicherlich angenommen. Natürlich ist man auch auf die Kultur gespannt und alle »Fettnäpfchen«, die sie zunächst birgt, auf die neuen Menschen, neuen Sitten.
Wollen Sie Lehrerin werden?
Herrmann: Obwohl ich sehr gut weiß, dass ich für den Job als Lehrer einfach gemacht wäre, dass ich sehr wahrscheinlich Spaß daran hätte, möchte ich eigentlich keine Lehrerin werden. Paradox, ich weiß. Natürlich reizt es einen, wenn man sieht, wie sich Lehrer engagieren, denen ihr Beruf Spaß macht, doch diese Motivation nutze ich für mein Jahr in Ecuador und powere dort mein Spaß am Lehrersein aus. Was ich studieren möchte, weiß ich noch nicht genau. Sicherlich hat man viele Vorstellungen, doch genau festlegen könnte ich mich nun noch nicht. Vielleicht gehe ich in die Wirtschaft und ändere doch die Welt.
Also doch Arbeit in der Entwicklungshilfe?
Herrmann: Sicherlich ist und wird das nicht mein letzter Dienst in der Entwicklungshilfe sein. Man hat im späteren Beruf oft die Chance, sich zu engagieren, eigentlich täglich. Ob es ehrenamtlich von Deutschland aus ist, in dem man Leute informiert, den Papierkram für Freiwillige übernimmt. Ich weiß jedoch jetzt schon, dass es mich noch viele Male in fremde Welten ziehen wird.
∂ Hintergrund: Puerto Quito ist ein Dorf mitten im Regenwald von Ecuador. Es hat derzeit etwa 3000 Einwohner. Etwa 15 Freiwillige sind dort tätig. In Ecuador ist das Schulsystem nicht wie in Deutschland. Die Kinder haben nur selten die Chance, überhaupt eine Art von Schulausbildung zu genießen. Der Großteil der Bevölkerung verdient ihr Geld mühsam mit dem Ernten von Kakaobohnen, Südfrüchten und Kaffee, die Kinder müssen früh helfen. Die Umstände sind verheerend.
Judith Herrmanns Hauptaufgabe wird Englischunterricht sein. Englisch brauchen die Menschen in Ecuador dringend – wegen des Tourismus. Etwa 50 Kinder sitzen zusammen in einem Klassenzimmer mit nur einem Lehrer. Das Hilfsprojekt möchte der Bevölkerung klar machen, wie wichtig Bildung für die Kinder ist. Spenden sollen dem Projekt zufließen, in Form von Schulungsmaterialen.
Spenden an Experiment e.V., Kontonummer: 326 326, BLZ: 386 215 00, Steyler Bank, Verwendezweck: Förderbeitrag für Judith Herrmann, Ecuador.