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Neues Fach Literatur und Theater


Kafkaesker Albtraum im Schillersaal

 

Ganz schön mutig, diese Schiller-Theatergruppe! Sie agieren in gewagten Outfits auf der Bühne wie die Profis, im knallrosa  Ganzkörpertrikot, in Unterwäsche und mit verrückten Hüten auf dem Kopf, sie spielen laszive  Verführerinnen und fallen übereinander her und haben großen Spaß dabei- und das bei einem  Kafka-Stück , genauer: in "Der Proceß". Dieser  Text, der seit zwei  Jahren den Abiturienten Rätsel aufgibt, wurde von der  Theatergruppe um  Lehrerin Dr. Herta  Haupt-Cucuiu in eine Bühnenversion gebracht, welche am vergangenen  Freitagabend im Schillersaal zur Aufführung kam.


 Der äußerlich brave, angepasste  Prokurist Josef K. gerät bei wachem  Bewusstsein in einen Albtraum, der ihn  nicht mehr loslässt.  In seine   Privatsphäre dringen fremde  Menschen ein, unterbrechen den gewohnten Ablauf der Dinge, bestimmen sein  Leben und lassen ihm  keinen Millimeter  Bewegungsfreiheit mehr. Assoziationen an das Dritte  Reich, an Stalin und die Roten Khmer drängen sich auf. Wie geht ein Mensch mit so einer Situation um? Max  Heckmann , der als Erster am Schiller-Gymnasium "Theaterspiel" als  Prüfungsfach im Abitur gewählt hatte und in dem man getrost ein Schauspieler- Nachwuchstalent sehen kann, spielte den Josef K. sehr eindrücklich. So ähnlich muss  Kafka selbst gewesen sein, der sich mit Beziehungen so schwer tat und zu Frauen eine seltsame Ambivalenz hatte! Josef K. ist ja "verhaftet", dieses Verhaftetsein interpretierte der Literaturkurs als ein Kleben an  Sexualität, denn alle Aspekte des seltsamen  Gerichts, seien es nun die Wächter, die Vermieterin, Fräulein Bürstner, Leni oder die Frau des Gerichtsdieners, alle haben einen mehr oder weniger starken erotischen Touch, die  Frauen werbend, die Männer drastisch zupackend.

 

Groteske Situationen entstanden   (toll: Felix Freund als Advokat Huld oder  Maike Kohler als gemächlich Golf spielende Anklägerin)und brachten die Zuschauer zum  Lachen , aber gleich darauf packte einen wieder der Schrecken. Der Text war stark gekürzt, wichtige Sätze wurden hinter dem Vorhang von einem Chor wiederholt, eingehämmert, höhnisch belacht. Wichtige Akzente setzten umwerfende Kostüme  (etwa die der Wächterinnen in der Schlussszene oder das mittelalterlich anmutende  Harlekinsgewand des  Malers Titorelli).  Beklemmend wirkte die Szene im Dom, in der sich Josef K. beim Kaplan     (Steffen Lindemann) geistigen Beistand erhofft und wieder allein gelassen bleibt. Bühnenbild und  Beleuchtung schafften mit einfachsten Mitteln - eine kleine  Lampe erzegte hinter  Josef k. einen riesigen Schatten- eine große Wirkung.

 

Die letzte Szene, das pantomimische Spiel der beiden Wächterinnen (Sylvia Winkler und Larissa Schäfer) mit dem tödlichen  Messer über dem hingestreckten Josef k. wird wohl niemand so schnell vergessen. Alle  Darstellerinnen  und  Darsteller überzeugten durch Bühnenpräsenz und Spielfreude. Ein mutiges, gelungenes  Unternehmen, dem man noch viele  Zuschauer wünscht! Letzte Aufführung: Montag, dem 5.7. 20 Uhr im Schillerssal.

 

Susanne  Kerkovius