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Literaturgespräch

„Tausche meine Reclam-Ausgabe gegen nen Kaugummi!“

Ein Literaturgespräch von Prof zu Schüler über den (Un-) Wert klassischer und aktueller Literatur

 

An einem Dienstagabend Mitte Juli trafen sich die Klasse 11b sowie einige andere interessierte Schüler und Lehrer mit Professor Dr. Günter Schnitzler, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Freiburg, im Bösendorfersaal, um herauszufinden, ob und warum man manche Bücher einfach gelesen haben „muss“. Allzu oft hören die Lehrer von ihren Schülern folgenden Satz: „Oah, müssen wir das Buch lesen? Ganz? Nee, oder?“  Das war der Grund, warum Lehrer Konrad Reinbold seinen Professor für Literatur zu einem Gespräch eingeladen hatte.

Nach einem kurzen Grußwort von Schulleiter Manfred Keller und einer kleinen Einleitung von Konrad Reinbold ergriff der Porfessor das Wort und erklärte den Schüler/innen erst einmal die Kriterien, an denen man ein „gutes Buch“ messen könne.  Hierbei zitierte er z.B. Aristoteles, der schon um 350 v. Chr. „Wesensmerkmale einer Tragödie“ festlegte. Nach ihm bewirke ein guter Text eine Katharsis, eine innere Reinigung. Er müsse eine Wirkung auf den Leser haben und ihn zum weiteren Nachdenken anregen. Auch eine gewisse Plausibilität sollte vorhanden sein. Kant wurde zitiert: „ Ein Text muss mehr enthalten, als wörtlich gesagt wird.“  Nach Prof. Schnitzler muss ein Buch zum Weiterdenken anregen, soll Auslöser für Fragen an sich selbst sein - und in einem guten Buch müsse auch nicht jede Frage beantwortet werden, ganz im Gegenteil, denn das führe zu eigenem Nachdenken, Bewerten und rege die natürliche Neugier an.

Anschließend wurde die Frage gestellt, warum man bestimmte Bücher, die schon die Urgroßmutter in der Schule lesen musste, heute immer noch „aufgetischt“ bekomme. Es gebe doch genug „neue“ Bücher, die einen persönlich ansprächen. Schnitzlers Entgegnung: Ältere und neuere Literatur befasse sich natürlich genauso mit den großen Fragen der Menschen, nur gebe es eben Bücher, die einen solch gekonnten Aufbau und Inhalt böten, dass es lohnenswert sei, diese zu lesen. Lehrer hätten da einfach einen gewissen Erfahrungsvorsprung, daran sei nicht zu rütteln, denn Literatur sei eine lebenslängliche Aufgabe, mit der man sich immer aufs Neue befassen müsse, sodass man einen immer weiteren Horizont gewänne. Der Lehrer leiste sozusagen eine Hilfestellung, indem er Bücher aussuche, die sich mit wichtigen und zentralen Themen in möglichst kunstfertiger Form beschäftigten. Denn Fragen kämen nicht vom Himmel. Sie kämen aus der Geschichte, aus der Vergangenheit. Menschheitsfragen, die heute zwar nichtmehr brandaktuell seien, aber modifiziert doch immer wieder auftauchten. Manche Autoren, eben auch aus „früheren Zeiten“, hätten die Fähigkeit, eine geniale Darstellung dieser Probleme niederzuschreiben. Sicher gebe es heute viele gute Bücher, doch manche „alten“ Autoren hätten mit viel mehr Überzeugungskraft und Nachdrücklichkeit geschrieben. Die Schüler wandten  daraufhin ein, dass alte Literatur zwar vielleicht im Thema nicht veraltet sei, dafür aber doch sicher in Sachen Sprache, was es sehr schwer mache, alte Literatur zu lesen. Schnitzler erklärte, dass sich Literatur nach einem gewissen Reifestand richte. Natürlich wäre es unsinnig, in der 8. Klasse Kafkas „Proceß“ zu lesen. Man müsse sich aber einfach den Mut nehmen, sich auf etwas Neues oder Schweres einzulassen, um selbständig und sicherer zu werden, dann könne man auch von schwer zu lesenden Büchern profitieren. Eine Schülerin meldete sich zu Wort und fragte, warum man denn dann teilweise doch schon neuere Bücher lese, wie z.B. „Knallhart“ von Gregor Tessnow oder „Die Welle“ von Morton Rhue. Ersteres kannte der Professor gar nicht. Er meinte dazu, dass es sicher viele gute und lesenswerte Bücher gebe, auch ein Kriminalroman sei interessant, doch was lerne man daraus – dass der Mörder immer der gleiche bleibe? Es gebe Literatur, die fürs Leben gewinnbringend sei und andere eben nicht so sehr. Sicher mache es Spaß, ab und zu einen Krimi zu lesen, doch fürs Leben lerne man daraus nicht. Wie müsse denn nun ein neues, „gutes“ Buch denn? Wie müsse es geschrieben sein? Der Literaturprofessor erläuterte daraufhin viele verschiedene Strukturen, die in einem Buch vorhanden sein können und was für Tricks und Kniffe man damit anstellen könne, doch am Ende legte er sich fest: In einem guten Buch müsse es sprachliche Richtigkeit geben, die in sich stimmig sei und alles zusammenhalte.

Es wurde noch viel mehr diskutiert und gefragt, sodass am Ende die Köpfe rauchten. Konrad Reinbold beendete das Gespräch mit einem passenden Schlusswort: „Wahrscheinlich habt ihr nun mehr Fragen als Antworten“. Und so soll es in der Literatur ja auch sein.

 

Hannah Verstraten, 11b

 



Im Gespräch: Schulleiter M. Keller mit Prof. Dr. G. Schnitzler