„Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln" (Erich Kästner)
Was ist das letzte Jahr alles in unserer Welt geschehen? Ging es in den Nachrichten nicht um Themen wie die Atomkatastrophe in Fukushima, den Virus EHEC oder die Einführung des neuen Treibstoffes E10? Wurde nicht monatelang über den arabischen Frühling berichtet?
Es hat mich und meine Mitschüler erschüttert, dass wir immer wieder von Neuem feststellen mussten, dass diese Vorgänge in der Schule keine Beachtung fanden. Uns hat kein Lehrer das Virus erklärt, oder warum E10 so kritisiert wurde. Wir schienen unseren Lehrer überrascht zu haben, als wir schließlich forderten, Atomkraftwerke und ihre Gefahren erklärt zu bekommen. Schule ist doch da, um uns zu lehren und um uns neue Dinge bei zu bringen! Wieso wird so selten über den Tellerrand namens „Lehrplan" in die große, reale Welt geschaut?
Vielleicht lässt sich dieses Verhalten besser erklären, wenn wir uns unsere Gesellschaft genauer ansehen. Unsere Gesellschaft ist nämlich eine Leistungsgesellschaft geworden.
Unser Leben wird von Eile dominiert, Eile aus Zukunftsangst.
Denn wer weiß, was aus mir wird, wenn meine Leistung nachlässt? Was passiert, wenn jemand besser wird als ich? Wie schnell bin ich ersetzbar?
Das alles gleicht einem Wettlauf. Ein Wettlauf gegen die Zeit und ein Wettlauf gegen den, der mehr leistet, stärker und schlauer ist, als man selbst. Deshalb laufen wir alle mit, im großen Hamsterrad. Und da aus dem Laufen nun ein stetiges Hasten wird, bleibt zum Stolpern keine Zeit.
Der Job und die Schule dominieren den Alltag der Familie.
Somit werden auf Ausflügen Vokabeln gelernt und es vergeht kein Urlaub, in dem die Eltern nicht ihre beruflichen Emails abrufen müssen. Viele Sonntage werden inhaltlich zu Montagen umfunktioniert; die nötige Wochenenderholung wird aufgeschoben.
Diese Entwicklung betrifft vor allem die Kinder. Sie merken, dass ihre Eltern immer nervöser werden; sie wissen, dass es unerwünscht ist ein „Querschießer" zu sein. Nicht, weil Eltern sich nun mal um ihre Kinder in problematischen Phasen Sorgen machen, sondern weil „Querschießer" nicht mehr dem Sinn unserer Gesellschaft entsprechen. Wir alle laufen in eine Richtung und setzten uns dadurch selbst der Gefahr aus zu kritiklosen, gleichgeschalteten Wesen zu werden.
Leider trägt auch die Schule ihren Teil dazu bei. Kinder werden geschliffen, bis sie alle gleich und glatt sind. Sie gehen dazu über – wir übrigens wir alle – ihre Schwächen zu verbergen. Doch sind diese Schwächen nicht das, was uns menschlich macht? Doch die Folge könnte etwa eine schlechte Zeugnisnote oder eine „Extrarunde" sein. Und wer kann sich das erlauben? Wo wir doch so schnell wie möglich studieren und ins Arbeitsleben einsteigen sollen…
Heute sind kaum Ausrutscher, keine Ausbrüche mehr gestattet; Schwäche ist schlecht.
Der Spielraum um Schwäche zu zeigen, also Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen und an ihnen zu wachsen, hat sich minimiert. In unserer Schnelllebigkeit sind die Konsequenzen zu groß.
Kinder sollen eigentlich nicht an morgen denken, sie sollen träumen dürfen. Wenn sie in der Pubertät langsam das „Ausmaß des Erwachsenenlebens" kennen lernen, haben sie kaum noch Platz für Rebellion, ist ihr Leben doch seit der fünften Klasse von schulischen Leistungen geprägt. Wie soll man sich da selbst noch kennen lernen?
Lehrer haben heutzutage die Rolle eines Faktenvermittlers eingenommen, sie flößen uns die geforderte Bildung ein, ohne unsere Charaktereigenschaften zu fördern. Dabei hat Bildung doch so viel mit Charakter zu tun! Wir lernen Schaubilder kennen und Gesetzt auswendig, ohne Zeit zu bekommen diese zu hinterfragen und uns eine eigene Meinung zu ihnen bilden zu können.
Dabei sollte Schule so viel mehr als ein Trainingslager für das spätere stressige Berufsleben sein!
Auch bei uns Abiturienten hat der Druck zugenommen. Übermüdung wegen Lernstress, Neid auf andere wegen besseren Noten, all das gehört zu unserem Alltag dazu. Wir wollen ein gutes Abi, weil wir denken, dass es der Schlüssel zu einem erfolgreichen Studienplatz ist. Manchmal vergessen wir dabei, woran wir glauben und was wir alles ändern wollen in dieser Welt.
Liebe Eltern, egal ob die eines Fünftklässlers oder eines Abiturientens: Eure Kinder freuen sich von Euch vermittelt zu bekommen, dass sie mehr sind, als die Summe ihrer Leistungen. Dass schlechte Noten nicht bedeuten, dass sie schlechte Kinder sind und speziell für uns Großen: Dass wir noch Zeit haben um die Welt zu entdecken und Eindrücke zu sammeln, bevor wir wieder in den Kampf um Ausbildungs-, Studien-, und Arbeitsplätze einsteigen.
Wäre das nicht ein richtig guter Vorsatz für das neue Halbjahr?
Laura Bäck, O1a