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Melinda Nadj Abonji im "Schiller"

Trägerin des deutschen Buchpreises liest bei uns im Studierzimmer

Bücher bringen die  Welt ins  Haus - das durften zwei zwölfte Klassen des Schiller- Gymnasiums am 23.3. morgens erleben, als die Trägerin des deutschen Buchpreises, Melinda  Nadj Abonji, vor ihnen im Studierzimmer aus ihrem preisgekrönten, teilweise autobiografischen Roman "Tauben fliegen auf" vorlas. Im  Deutschunterricht war das Buch nicht gelesen worden, wie Deutschlehrer Hans-Peter Schwenninger bei seinen Begrüßungsworten entschuldigend anmerkte, denn hier bleibe oft nicht genügend Zeit für neue und neueste Literatur. Die Leiterin der Stadtbibliothek und Organisatorin der jährlich in Offenburg stattfindenden Reihe "Wortspiel", Sybille Reiff-Michalik, stellte die junge Schweizer Autorin mit ungarisch-jugoslawischen Wurzeln als eine vielseitige, lebendige Persönlichkeit vor, die auch als Musikerin und Rapperin unterwegs sei und gerne experimentiere. Die Autorin, eine zierliche, natürlich und unprätentiös wirkende junge Frau mit rollendem ungarischem "r", las drei  Passagen aus ihrem Buch, in dem es um die  Geschichte einer ungarischen Familie aus der Vojvodina geht, die in den 70er Jahren in die französische Schweiz, an den Genfer See, zog und sich dort eine neue Existenz aufbaute. Der erste  Text, geschrieben aus der Sicht der heranwachsenden ältesten Tochter Ildiko, erzählte vom Stress der Einbürgerungsprüfung, die die noch mit der Sprache kämpfenden Eltern zunächst nicht schaffen, unter anderem weil die Mutter Rosza das  Schweizer Wort "Sudel" für " Zettel" mit dem Wort "Strudel", das ihr wohlvertraut ist, verwechselt und gleich ein großartiges Strudelrezept abliefert. Der nächste Text erzählte von einem  Besuch der Ausgewanderten bei  Verwandten in der alten  Heimat und ließ atmosphärisch dicht das einfache, oft beschwerliche bäuerliche  Leben der  Verwandten, den taubenzüchtenden Cousin, die aufgetischten Speisen und  Getränke, die  Gerüche und  Geräusche aufleben. Der letzte  Text konfrontierte mit einem Ausgrenzungserlebnis der  Familie, die sich durch enormen Fleiß und besondere Anstrengung als Betreiber eines angesehenen Cafés etablieren konnte, jetzt aber dem  Neid und der Fremdenangst angesehener Schweizer   Bürger ausgesetzt ist. Während die Eltern sich alles gefallen lassen, rebelliert Ildiko und fordert  Respekt und Schutz vor solchen Übergriffen wie der erzählten Toilettenbeschmutzungskampagne zu Demütigungszwecken.
Im anschließenden  Gespräch stellten die Schüler und Lehrer Fragen nach den autobiografischen Anteilen des Erzählten, nach dem ersten Schreiberlebnis, nach  Regeln und Form, nach dem Einfluss des öffentlichen Interesses auf die eigene  Person und das Leben, und die Autorin antwortete darauf ernsthaft und ausführlich. Sie schreibe eigentlich nicht kopf-, sondern vom Ohr gesteuert, sie höre den Figuren innerlich zu und schreibe dann erst, begebe sich in einen musikalischen Fluss, in dem die einzelnen Figuren gar nicht abgegrenzt von einander, sondern miteinander verwoben seien, deshalb setze sie sich auch über viele von ihr als störend empfundene  Regeln hinweg. Ein wichtiges Anliegen ist ihr der Respekt vor anderen Sprachen und Kulturen, deren  Besonderheit und Schönheit es zu beachten gelte, anstatt das Eigene aus Angst vor dem  Fremden ständig zu verteidigen. Nicht  Nationen und  Grenzen, sondern  Menschen und ihre  Beziehungen sollen im Vordergrund stehen.  Nadj Abonji setzte sich dafür ein, Einwandererkinder zu fördern und ihre Talente zu sehen, anstatt überall nach  Defiziten zu schauen, und auch den Familien etwas zuzutrauen, anstatt ihnen Unfähigkeit und  Desinteresse zu unterstellen. Ein angeregtes, interessantes  Gespräch, das viele wichtige Fragen der  Gegenwart beleuchtete.


Susanne  Kerkovius