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Esther Kinsky liest vor Schiller-Schülern

Die 1956 geborene Übersetzerin, Journalistin und Buchautorin Esther Kinsky, die im Rahmen der Lesereihe „Wortspiel“ nach Offenburg gekommen war, stellte am 14.4. in der Schülerbibliothek des Schiller-Gymnasiums ihr Buch „Sommerfrische“ vor. Schülerinnen und Schüler zweier zwölfter Klassen und ihre  Lehrerinnen Ute Lienert und Susanne Kerkovius sowie die Leiterin der Stadtbibliothek, Sibylle Reiff-Michalik, die die Schullesung vermittelt hatte, waren ein aufmerksames Publikum.

Der Titel „Sommerfrische“ ist ironisch gemeint, denn es geht nicht um ein erholsames Sommervergnügen reicher Leute wie im 19. Jahrhundert, sondern um das zuweilen recht nervenzermürbende Zeithinbringen in einem quälend heißen, vom  austrocknenden Fluss geprägten ehemaligen ungarischen Ferienort namens Üdülö. Vorlage für diesen Ort mit seinen auf je eigene Art mit dem  Leben und Überleben kämpfenden Bewohnern ist das Dorf Battonya, in dem die Autorin mit ihren drei Katzen seit zwei Jahren lebt, weil sie das dort besonders erlebbare Gemenge verschiedener Sprachen und Kulturen sowie die undramatische, flache und weite Landschaft inspirieren.

Die vorgetragenen Textpassagen handelten von biografischen Puzzlestücken einzelner Dorfbewohner – da ist „die Mutter“, die das Verlassenwerden wegen einer Fremden, „der fremden Frau“, nicht verkraften kann und daran kreatürlich leidet, da ist der Sohn, der ratlos zwischen den drei Erwachsenen steht – gleichzeitig kommt das Fernsehen an den Strand und ermuntert die Leute, sich ihr Lieblingslied zu wünschen und sich durch ausgeplauderte Banalitäten wichtig genommen zu fühlen, eingezäunte Pfauen schreien und verbleichen in der Hitze ebenso wie die ehemals schönen Umkleidekabinen. Die Atmosphäre, die heraufbeschworen wird, hat einen morbiden Charme und weckte durchaus Interesse, wenn auch die meisten Schüler nach eigenen Angaben eher Bücher bevorzugen, in denen „etwas passiert“ und man sich mit bestimmten Figuren identifizieren kann.

Im anschließenden angeregten Gespräch mit der Autorin wurde durch interessiertes Nachfragen vieles deutlich und es konnten Brücken zum eher als spröde empfundenen Buch gebaut werden. Es ging um die Situation Ungarns heute, um die Schäden der Globalisierung und die zunehmende Perspektivlosigkeit, um den aktuellen Rechtsruck und die Situation der Roma, um die Spannungen zwischen Ungarn und Rumänien und Esther Kinskys Zusammenleben mit den Menschen in einem Dorf, in dem eigentlich keiner mehr dazukommt, sondern alle weggehen. Sie berichtete von ihrem misslungenen Versuch, das alte Dorfkino wiederzubeleben und Initiativen im regionalen Kontext anzukurbeln. Beeindruckend für junge Leute, die gerade vor der Entscheidung stehen, auf welche Art sie sich ihr Geld einmal verdienen wollen, war es, zu erfahren, wie ein Mensch heutzutage den Mut aufbringt, sich ganz auf die eigenen Füße zu stellen und vom Schreiben und Übersetzen zu leben. Esther Kinsky konnte vermitteln, dass es schön und abenteuerlich ist, sich ganz in den Dienst der Sprachen zu stellen (Englisch, Polnisch, Russisch, Serbokroatisch und Ungarisch) und das zu tun, was einem am meisten Freude macht.

Susanne Kerkovius